Junkers Ju 88A

Lindberg 70509 - 1/64

Auch dieser Bausatz wurde im Maßstab 1/64 konzipiert und ist dann später, nach dem sich der 1/72er Maßstab international durchgesetzt hatte, einfach auf diesen uns heute so vertrauten Verkleinerungsfaktor umdeklariert worden. Nichtsdestotrotz stellt dieser klassische Kit aus den USA, meiner Meinung nach, eigentlich immer noch eine Bereicherung des Angebots der Ju-88-Bausätze dar. Dürfte es sich dabei wohl um die (bislang) einzige Nachbildung einer Maschine der A-1-Baureihe in einem kleineren Maßstab handeln.

Allerdings kann dieses betagte Erzeugnis heutigen Ansprüchen nicht mehr vollständig gerecht werden. Somit ist dieser Bausatz wohl hauptsächlich für den Sammler von ausgefallenen Modellen interessant. Auch der recht hohe Anschaffungspreis, der sich im Versandhandel irgendwo bei 30€ bewegt, dürfte den Gelegenheitsmodellbauer eher abschrecken.

Wie für alle Lindberg-Bausätze typisch, findet man, wenn man die große, auf einer Seite aufklappbare Schachtel öffnet, keine üblichen Gussrahmen, sondern nur Teilbereiche dieser. Dies ist mit Sicherheit der Stabilität nicht gerade zuträglich, hilft allerdings den Plastik-Abfall zu minimieren. Die weißen Teile sind recht ordentlich gegossen und verfügen über so gut wie keine Einsinkstellen und erstaunlich wenig Gussgrat beziehungsweise „Fischhaut“ an den Teilerändern. Die Aufteilung ist recht konventionell und bietet somit auch Newcomern keinerlei Schwierigkeiten zumal der Zusammenbau mithilfe der übersichtlichen in vierzehn Schritte gegliederten Bauanleitung bestens dokumentiert wird. Die Passgenauigkeit geht vollkommen in Ordnung.

Als einzige Besonderheit wäre vielleicht die für diesen Hersteller typische Konstruktion des Höhenleitwerks zu erwähnen, die lediglich mit zwei zu verklebenden Hälften auskommt, die anschließend in entsprechende Aussparungen im Rumpf durchgesteckt werden. Diese Konstruktionsweise erleichtert den Zusammenbau in jeden Fall etwas.

Betrachtet man die erhaben ausgeführten Oberflächendetails, die mit bloßem Auge fast schon gar nicht mehr zu erkennen sind, muss man unumwunden zugeben, dass selbst heute technisch keine feineren aufgesetzten Nietenreihen und Blechstöße darstellende Linien zu erreichen sind. Hier liegt zweifelsfrei ein Maximum des seinerzeit Machbaren vor. Die Krönung sind die äußerst filigran angedeuteten Sturzflugbremsen an den Tragflächenunterseiten, die es so bei keinen andern Raised-Panels Ju-88-Bausatz gibt.

Das Verlaufsmuster der Spalten, Fugen und Nieten wirkt recht authentisch. In diesem Punkt unterscheidet sich dieser Bausatz in angenehmer Weise vom He 111-Kit des gleichen Herstellers. Auch ist das hier ebenfalls einziehbar ausgelegte Fahrwerk dem Original bei weitem näher als bei besagtem Heinkel-Modell. Ferner wurden die von der Wandstärke erwartungsgemäß etwas überdimensionierten Klarsichteile auch bei diesem Lindberg-Kit vollkommen klar gespritzt. Der kompakte Decalbogen ist qualitativ ebenfalls auf einem hohen Stand.

Wie befürchtet kommt aber auch dieser alte Bausatz nicht ohne einige Fehler aus, die den ursprünglich durchaus positiven Eindruck etwas trüben. Wie da wären:

Ansonsten erhält man aber ein einigermaßen ordentliches Modell einer Ju 88 A-1. Da die Kanzelverglasung und die Form der Flügelenden sowie auch das fehlende Ausgleichsgewicht am Seitenruder, sowie die schmalen Propellerblätter nur diese Baureihe plausibel erscheinen lassen.

An den Cockpitbereich sollte man keine großen Anforderungen stellen, da es außer einem halbwegs passablen Mumiensitz nichts gibt, was an ein Ju-88-Interieur erinnern würde. Zumindest können die Arme einer Besatzungsmitglieder-Figur individuell angeklebt werden, was nicht selbstverständlich ist. Außerdem besitzt auch dieser Kit noch eine - einen „Techniker“ darstellende - Figur nebst einem kleinem Handkarren. Worauf sich die vorhandene Triebwerksnachbildung aufladen lässt.

Fasst man nun alle Eigenschaften dieses Bausatzes zusammen gelangt man zwar nicht zu einem uneingeschränkt positiven Fazit, kommt aber auf jeden Fall nicht umhin, hier das Prädikat „außergewöhnlich“ zu verleihen... und wie die Aufzählung letztlich zeigt, keinesfalls nur in negativer Hinsicht.

Zdenek Nevole (Juni 2011)

Anmerkung von Peter Susat:

Der Bausatz, den Zdenek Nevole hier beschreibt, stellt eine frühe Ju 88 A-5 dar. Die A-1 hatte durchgehende Querruder und keine Flügelendkappen. Das ist keine Kritik, nur ein Hinweis unter "Kollegen". Ich finde seine Beschreibungen der uralten Bausätze erfrischend.