Messerschmitt Bf 110G-2/G-4

Revell H-95 (ex Frog) - 1/72

Vorbild: Wie hoch die tatsächliche Bedeutung der Bf 109 als herausragendstem deutschem Jagdflugzeug im zweiten Weltkrieg tatsächlich gewesen sein mag, wenn es nach den Vorstellungen der ehemaligen deutschen Luftwaffe gegangen wäre, hätte die Bf 109 nur eine Art kleinerer Bruder oder bestenfalls Juniorpartner der Bf 110 sein sollen. Diese erachtete die zweimotorige Maschine - für die man mittels der martialischen Bezeichnung "Zerstörer" extra eine eigene, neue Typenklasse schuf - anfänglich als das ultimative Jagdflugzeug. Auch wenn es dem RLM später sinnvoller erschien diese Art Kampfflugzeug doch besser als "schweren Jäger" zu bezeichnen, so hatte man aber zuvor schon beschlossen diese Flugzeuge in völlig neu aufgestellte sogenannte "Zerstörer-Geschwader" zusammenzufassen.

Das war in den ersten Jahren des Krieges tatsächlich nicht die schlechteste Idee, da dieser Typ durchaus in der Lage zu sein schien, jedes andere gegnerische Flugzeug zu bekämpfen, recht erfolgreich die Bodentruppen unterstützte und sogar Schiffe vernichtet hatte. Kurzum hielt man vor Kriegsbeginn tatsächlich so große Stücke auf den zweiten Jäger aus dem Hause Messerschmitt, daß man es offenbar ganz vergaß in einem kurzen Vergleichsfliegen mit der 109 auszutesten, was tatsächlich geschehen würde, wenn diese vielgerühmte Maschine auf einen modernen einmotorigen Jäger treffen sollte. Das erklärt weshalb sich die Luftwaffe zunächst vollkommen sicher war, ein nahezu ideales Jagdflugzeug geschaffen zu haben, da der Vergleich beider Maschinen auf dem Papier tatsächlich eindeutig für die zweimotorige Konstruktion sprach.

Sicherlich waren die Verantwortlichen der Luftwaffe an dieser trügerischen Einschätzung nicht vollkommen unschuldig, da sie es nicht in Betracht gezogen hatten, dass die frühen Bf 109-Modelle (Berta, Cäsar und Dora) relativ schwach motorisiert und bewaffnet waren. Daher konnten die ersten BF 110 Prototypen mit ihren leistungsfähigeren DB 601-Motoren tatsächlich eine höhere Geschwindigkeit als diese erreichen, ganz zu schweigen von der größeren Reichweite und Flugdauer. Davon abgesehen hatten sich die Bf 110 anfänglich aber in der Tat gut bewährt als sie unmittelbar nach Kriegsbeginn über der deutschen Bucht problemlos einen britischen Bombenangriff gegen die deutsche Flotte vereiteln konnten und sie ihre Gegner in kürzester Zeit aufgerieben hatten.

Somit setzte die Luftwaffe erst einmal die allergrößten Hoffnung in einen schweren Jäger, der bis zur Luftschlacht um England in dieser Rolle über Polen, Skandinavien, den Benelux-Ländern und Frankreich etliche gegnerische Flugzeuge zerstören konnte, dann aber über Großbritannien plötzlich schlagartig nutzlos zu werden schien. Allerdings waren die Verluste über England im Nachhinein wohl genauso überwertet worden, wie es die vielen Erfolge zuvor waren.

Allerdings ermöglichte die Schwäche gegenüber den wendigeren einmotorigen Jagdmaschinen auf skurrile Weise letztendlich aber die Herausbildung der wahren Stärke des Entwurfs, der in Wirklichkeit nämlich so etwas wie das erste echte Mehrzweckflugzeug der Luftwaffe darstellte. Es zeigte sich, dass die Bf110 als leichter Bomber bzw. Jabo oder sogar als eine Art Stuka genauso eingesetzt werden konnte, wie als Aufklärer oder z.B. auch als Lastensegler-Schlepper. Doch seine wichtigste Bestimmung sollte dieses Flugzeug erst gegen Kriegsmitte erfahren.

Zu dieser Zeit drangen immer mehr alliierte Bomber ungehindert nach Deutschland ein und es war gerade dieser zweimotorige Jäger den die Luftwaffe diesem Ansturm entgegen werfen konnte. Ausreichend schwer bewaffnet und mit genügend Treibstoffkapazität an Bord, nahmen die Verbände sowohl nachts gegen die RAF wie tagsüber gegen die USAAF den grausamen Kampf auf. Tagsüber mussten sie gegen die B-17 und B-24 bald schon den Kürzeren ziehen, als diese mit Begleitschutz durch Spitfires, Lightnings, Thunderbolts und Mustangs einflogen, denen die Bf 110 nur schwerlich gewachsen war. Trotzdem blieb die Bf 110 weiterhin in Produktion und bildete bis zum Ende das Gros der deutschen Nachtjäger. Insbesondere in Gestalt der diesem Zweck angepassten Baureihen G4. Womit die Bf 110, für die untergehende Luftwaffe doch noch viele Einsätze erfolgreich durchführen konnte, obwohl sie eigentlich schon seit 1940 als veraltet angesehen werden musste.

Bausatzhistorie: Auf der Suche nach einem guten Bausatz der Bf 110, stieß ich auf einen alten Frog-Kit der sowohl, längst nicht mehr hergestellt wird, wie auch schon lange vollkommen vergessen sein dürfte. In früherer Zeit, also noch bevor sich die Fa. Italeri mit einem gewohnt guten Kit auch dieser Maschine annahm, war das Angebot dieses durchaus wichtigen Typs eher überschaubar. Es gab einen sehr primitiven Airfix-Bausatz, den heute noch von Revell angebotenen, erstaunlich guten, aber selten anzutreffenden Kit von Monogram (den beispielsweise später selbst die Fa. Hasegawa als Cooperations-Produkt im Lieferprogramm hatte) und daneben nur noch einen Baukasten von Frog.

Interessanterweise hatte es die Fa. Revell in den Sechzigern irgendwie verpasst einige bedeutende Militärmaschinen der ehemaligen Luftwaffe auf den Markt zu bringen und war daher darauf angewiesen Formenmaterial anderer Hersteller zu verwenden, was sie in gewisser Weise auch heute noch tun muß. Weshalb es also auch überhaupt erst zur Zusammenarbeit mit (damalsn och) "Italerei" kam. Lediglich im Falle der legendären Ju 87 oder "Stuka" wurde noch eine eigene Gußform entwickelt, während es aber bis heute bei der Bf 110, immer noch kein eigenes Modell gibt. Wenn auch, wie eben erwähnt, der Monogram-Kit auch heute keine allzu schlechte Lösung darstellt.

Allerdings gab es bereits vor diesem Bausatz auch schon einen Bf 110-Kit von Revell. Der sowohl von Venice wie auch aus Bünde vertrieben wurde. Denn aufgrund der Übernahme sämtlicher Luftwaffen-Bausätze der britischen Fa. Frog stand nämlich bis in die achtziger Jahre hinein, mit deren Kit des "Messerschmitt Nachtjägers Bf 110-4/ G-2" eine passable Umsetzung dieses Typs in zweiundsiebzigfacher Verkleinerung zur Verfügung.

Und dieser Bausatz verdiente es nach meiner Meinung eindeutig, sofort wieder neu aufgelegt zu werden. Im Vergleich zu der wesentlich primitiveren letztes Jahr neu herausgebrachten He 219 UHU könnte er nämlich wirklich eine große Marktlücke schließen, da er bislang die zweifelsohne beste Umsetzung eines späten Bf 110-Nachtjägers in diesem Maßstab ist. Er läßt auch das jüngere Italeri-Modell, das es derzeit nur in einer Linzausgabe von Bilek gibt, alt aussehen.

Obwohl dieses zugegebenermaßen aber in einigen Bereichen auch Vorteile hat. Welche aber durch die Verwendung identischer Formen für die Kabinenhaube und die Motorgondeln wie bei dem Kit der Baureihe C und D, nachhaltig zunichte gemacht wurden.

Bausatz: Das hier vorliegende Plastikmodell in Raised-Panel-Konstruktion ist ähnlich wie z.B. auch die He 111 aus dem Battle of Britain-Set, eindeutig eines der späteren, besseren Bausätze von Frog. Was man schon auf dem ersten Blick auf die hier nämlich bereits vorhanden gußrahmenartigen Spritzlinge bemerkt. Außerdem wurde bei diesen jüngeren Bausätzen ebenfalls gottlob auch auf die beweglichen Ruderflächen verzichtet, wenn es auch dafür aber leider keine Klarsichtteile für Landescheinwerfer mehr gab. Genauso wie ab da an die bei älteren Frog Kits noch vorhanden separaten Propellerhauben weggefallen sind, dafür allerdings aber falls notwendig verschiedenartig ausgeformte Pilotenfiguren mitgeliefert wurden.

Die auffällig glatte, beinahe schon glänzende Materialoberfläche besitzt äußerst feine Panellines die einen überwiegend korrekten Verlauf aufweisen, wobei diese feinen Linien am Hinterrumpf allerdings fast verschwinden, was aber gerade den erfahrenen Praktiker zum individuellen Gravieren von versenkten Oberflächendetails einladen könnte. Die Motorgondeln die, was die Konturen anbelangt sehr authentisch gestaltet sind, muten etwas zu fein oder besser ausgedrückt recht zierlich ausgeformt an. Zum Glück stellt sich aber der Rumpf im Vergleich dazu nicht als zu wuchtig geraten dar, womit diese kleine Auffälligkeit also eher als Pluspunkt gewertet werden sollte, da die Konkurrenz von Bilek eindeutig eine falsche Linienführung an den Triebwerksverkleidungen besitzt!

Alle anderen Details des ehemaligen Revell H-95-Modells sind von einer sehr gediegenen Qualität und ausreichender Detailtreue, so dass der Zusammenbau eigentlich keinerlei böse Überrasungen versteckt halten dürfte. Es gibt fast keinen nennenswerten Gußgrat oder gar Hautbildung an den Rändern. Einsinkstellen und Auswerfer-Markierungen halten sich ebenfalls in Grenzen, weshalb dieser Bausatz, der darüber hinaus sogar auch noch eine erstaunlich gute Passgenauigkeit aufweist, ohne wenn und aber bzw. uneingeschränkt für alle Beginner zu empfehlen wäre!

Auch die seinerzeit mitgelieferten Abziehbilder, die neben den damals noch unverbotenen nationalsozialistischen Hoheitszeichen auch schon einige lupenreine zusätzliche Markierungen und Wartungshinweise besaßen, waren eindeutig von besserer Qualität im Vergleich zu vielen früheren Mitbewerbern. Wer diesen Bausatz also noch irgendwo erhaschen oder im Internet auftreiben kann, sollte ruhig bereit sein dafür bis zu zehn Euro auszugeben, da er wirklich einen in jeder Hinsicht angemessenen Gegenwert erhält und zugleich noch den einzigen Nachtjäger- Bausatz aus der G-4-Baureihe bekommt der dem Original weitgehend entspricht.

Allerdings leider nur äußerlich, da Cockpitausstattung und Fahrwerk erwartungsgemäß keineswegs mehr heutigen Erwartungen entsprechen können. Die drei Besatzungsmitglieder Figuren sind hier absichtlich um einiges größer gespritzt worden, damit deren Köpfe bzw. Oberkörper überhaupt über die Rumpfoberkante ragen können. Wer sie aber weglässt tut sich definitiv keinen Gefallen da es leider keinerlei Hocker für Funker oder Radarbeobachter gibt und anstatt des Mumiensitzes für den Piloten nur ein Konstrukt von Sessel nebst angeflanschter Geräte-Konsole gibt, was absolut nichts mit dem Vorbild gemeinsam hat. Das Verstrebungsmuster der Verglasung, die Panzerglas-Frontscheibe, das MG 81-Z und alle Antennen auf der Kanzel sind hingegen vollkommen korrekt nachgeahmt worden.

Somit kann das Fazit eigentlich nur lauten, dass es auf jeden Fall besser ist, ein klein wenig das Cockpitinnere zu erweitern, als sich einer unsäglichen Neugravur der den früheren Baureihen entsprechenden Kabinenhaube des Italeri/Bilek-Modells zu widmen, was wahrscheinlich genauso unmöglich sein dürfte, wie dessen Motorengondeln umzugestalten. Da sollte man dann lieber die primitiven Räder des Frog-Kits ohne ausgeformte Felgen und die fehlenden Fahrwerkschächte, nebst hohlen Lüftungsöffnungen usw. hinnehmen, da diese Kleinigkeiten weit besser auszubessern sind. Abschließend bleibt mir jetzt wohl nur noch übrig, einen Aufruf an alle Marketingmitarbeiter bei Revell zu richten, daß sie bitte diesen Bausatz schnellstmöglich neu auflegen!!!

Zdenek Nevole (März 2011)