Heinkel He 219 „Uhu“

Revell 04690 - 1/72

Vorbild: Die Entwicklungsgeschichte der He 219 ist heute weitestgehend geläufig, bzw. kann mühelos beispielsweise auch im Internet recht ausführlich nachgelesen werden können. Weniger bekannt, ist vielleicht aber die Tatsache, dass an den Konstruktionsarbeiten, in Wirklichkeit, maßgeblich Robert Lusser beteiligt war. Der zuvor während seines Beschäftigungsverhältnisses bei der Messerschmitt AG u.a. die BF 110 entwickelt hatte, und damit also, später bei Heinkel dann also deren Grundauslegung, problemlos, sozusagen als eine Art Ausgangsbasis für die He 219 verwenden konnte. Da insbesondere das doppelte Seitenleitwerk, dieser, eine gewisse Ähnlichkeit zu jenem ersten schweren Jäger der ehemaligen Deutschen Luftwaffe nicht verbergen kann. Wenn auch der neue Entwurf freilich insgesamt etwas größer, und vor allen Dingen, klarerweise bereits zeitgemäßer, dimensioniert worden war. Die tropfenförmige, recht innovative, Kabinenverglasung hingegen, ähnelte etwas derjenigen der Me 210, und der Arado AR 240 deren Versuchsflüge zwischenzeitlich bewiesen hatten das solch ein Design effektiv zweckmäßiger wie jenes klassische bdquo;Gewächshaus“-artige der älteren Bf 110 war. Ein weiterer interessanter Aspekt im Zusammenhang mit der He 219 ist die Tatsache das ihr Beiname d.h. „Uhu“ zuvor eigentlich auch schon für ein anderes deutsche Flugzeug Verwendung fand nämlich dem auch „Fliegendes Auge“ genannten Fw 189-Aufklärer. Allerdings war die Verwendung gerade dieses Tieres, für einen (radar-unterstützten) also im Dunkeln „sehenden“ Nachtjäger zweifelsohne dann auch fraglos weit zutreffender.

Die ungewöhnlichste Tatsache im Zusammenhang mit der Heinkel He 219 dürfte aber zweifelsfrei deren Verwendung nach dem Krieg in der Tschechoslowakei gewesen sein. Denn dort wurden nämlich, Ende der vierziger Jahre zwei Maschinen komplett nachgebaut, bzw. aus Originalteilen zusammengesetzt. Um dann anschließend, nach ausgiebigen Tests. Allerdings nur eher behelfsweise, kurzzeitig noch als erster tschechoslowakischer Nachkriegs-Nachtjäger überhaupt bis Anfang der 1950er Jahre eingesetzt zu werden. Den Bau der zwei Einzelstücke führte das bekannte Traditionsunternehmen LETOV aus Prag durch. Die Typenbezeichnung dieser Flugzeuge lautete LB 79, was gemäß der neuen Nachkriegs Kodierung der tschechoslowakischen Armee für „Leichter Bomber“ stand.

Bausatz: Abgesehen davon das man nach dem Auspacken etwas staunten muss wie klein doch das Volumen der Plastiktüte mit den Teilen, in Bezug zur Schachtel ist. Oder besser gesagt erst dann realisiert das einmal mehr ein typischer „Schüttbox“-Effekt vorliegt, der hier allerdings noch gravierender ist da diesmal keinerlei Gussrahmen vorhanden sind. Sondern lediglich vor dem Verpacken entsprechend lang zugeschnittene einzelne Teilbereiche dieser zum Vorschein kommen. Bemerkt man ebenfalls noch, dass (möglicherweise wohlweislich) auf der Verpackung nirgends eine konkrete Angabe über die vorliegende Baureihe des Vorbilds angegeben ist. Nur innerhalb der seitlich aufgedruckten kurzen „Produktbeschreibung“ kann der potentielle Käufer erfahren das zwei Versionen (der ehemaligen deutschen) Luftwaffe erstellt werden können. Dies ist in sofern etwas unaufrichtig da der Bausatz tatsächlich nur Teile für eine, einzelne, Ausführung enthält.

Aufgrund der zahlreichen, zum Teil allerdings nur geplanten bzw. lediglich in minimalen Stückzahlen gefertigten Prototypen oder Vor Serienmaschinen des Originals, ist es dann letztlich schon nachvollziehbar das es sinnvoll war sich ausschließlich auf die am meist eingesetzte Ausführung, nämlich die A-2 Baureihe festgelegt zu haben. Die ferner vorgeschlagene, (in Wirklichkeit aber nur aufgrund der des Anbringens anderer Abziehbilder sowie anderer Farben) zu bauende zweite Version wird als die A-5 angegeben. Die tatsächlichen bzw. eventuell möglichen Unterscheidungsmerkmale dieser Varianten überprüfen zu wollen sollte, meines Erachtens, aber dann besser den ausgesprochen He 219 Liebhaber vorbehalten bleiben. Wohingegen es man Revell letztlich dann nachsehen sollte das sie bei beiden vorgeschlagenen Baureihen nicht die korrekterweise, eigentlich, ebenfalls notwendigen vorliegenden Rüstsatzvarianten konkret angegeben hat. Unverzeihlich ist aber die Tatsache das das Vorhandensein zweier inliegender Piloten-Figuren, und vor allen Dingen auch noch der beweglichen Ruder/Kontrollflächen des Doppelleitwerks. Sowie Querruderflächen an jeder Tragfläche, nicht erwähnt werden. Genauso wie auch die am Modell vorhandene Möglichkeit zum „einziehen“ der Fahrwerksbeine in Rumpf und Motorengondeln verschwiegen wird.

Der Bausatz selbst wäre, auf den ersten Blick, eigentlich leidlich in Ordnung besäße er nicht überdurchschnittlich viele trichterförmige Sinkstellen auch an der äußeren Oberfläche (leider, praktisch an allen Stellen wo sich innen Passstifte bzw. deren Gegenstücke befinden). Sowie auch noch zahlreiche erhabene scheibenförmige runde Ausformungen, d.h. “Auswerfer-Pins“ und ferner zusätzlich auch deren gegenteilige Auftretungsform, also die etwas unangenehmer zu eliminierenden kleineren Mulden. Insbesondere an den Innenflächen von Leit- und Tragwerksteilen gilt es einige der erhabenen Scheiben, vor dem Zusammenkleben besser zumindest teilweise zu entfernen. Damit anschließend die einzelnen Bauteile überhaupt erst plan zusammengeklebt werden können. Der auffälligste Makel an diesem Bausatz ist aber eindeutig, dass er lediglich „positive“ Gravuren aufweist. Oder anders gesagt daher hier, vom Formen-Design ein klassischer „Raised-Panel“ Kit vorliegt. Womit er also wohl oder übel effektiv sowohl in Punkto Gussqualität (vorhandener Grat, teilweise Fischhaut) als auch in seiner Authentizität oder Detailtreue aufgrund fehlender Gravuren, oder anders gesagt, der heute gängigen „versenkten Blechstöße“ bedauerlicherweise bereits definitiv als nicht mehr zeitgemäß zu bezeichnen ist.

Spätestens jetzt stellt sich aber beinahe zwingend die Frage welcherart „Neuheit“ denn so ein Bausatz überhaupt repräsentieren kann? Sicherlich ist bereits vor Erscheinen die eine oder andere Vermutung innerhalb der verschiedensten Plastikmodellbauer Verbände verbreitet worden. Und klarerweise habe ich selbst auch vor dem Erwerb so meine Vermutungen angestellt. Muss aber eingestehen mich letztendlich dann doch geirrt zu haben. Da der tatsächliche Ursprung dieses von Revell als „historisch“ bezeichneten Bausatzes aber ziemlich außergewöhnliche, meines Erachtens bereits schon nahezu unvorhersehbare Wendungen durchlaufen hat. Sei es mir gestattet seine bisherige Produkt-Geschichte, soweit ich selbst sie habe rekonstruieren können, kurz nachzuzeichnen.

Dieser momentan zumindest noch „brandneue“ Bausatz ist in Wahrheit, mit einem Bausatz des ehemals durchaus populären jedoch längstens vergangenen englischen Herstellers Frog identisch. Sicherlich werden mich jetzt alle Insider oder auch einfach nur ältere Modellbau-Kollegen daran erinnern das eben diese Tatsache das Revell nach der Produktionseinstellung Frog´s bald etliche dessen Formen, und bereits Ende der Siebziger Jahre, schon den ersten vollidentischen Kit ihres ehemaligen Konkurrenten herausgebracht hatte, allgemein bekannt ist. Soweit so gut, da man in Bünde aber bis 1996 eine eigene in den Mittsechziger Jahren, noch im kalifornischen Stammwerk, entwickelte „Uhu“ vertrieb, die übrigens erkennbar besser als die hier beschriebene war, stellte sich bis dahin wohl nie die Frage, jene nun eben erst eingesetzte Frog-Gussform in Gebrauch zu nehmen. Folgerichtig tauchte bei Revell ein darin ausgeformter Bausatz erstmalig dann zuerst etwa kurz vor der Jahrtausendwende auf.

Damals aber noch als eine der letzten Neuerscheinungen des seinerzeit bereits schon länger Revell gehörendem Herstellers, oder besser ausgedrückt, lediglich einem nunmehrigem Label, „Matchbox“, auf. Nur hatte der noch eigenständige Hersteller Matchbox früher seinerseits wiederum zuvor schon die US-Amerikanische Fa. AMT aufgekauft. Welche ihrerseits in den Mittsiebzigern in Kooperation mit der damals noch bestehenden Fa. Frog bereits auch schon die gleiche He 219. Allerdings aber unter ihrem eigenen Firmenlogo im Lieferprogramm hatte. So hat man es bei dieser Revell-Neuerscheinung vom Frühjahr 2010 in Wirklichkeit effektiv mit einer recht betagten Gussform aus den frühen Sechzigern zu tun. Wobei es dann wohl keine Rolle spielt ob sie tatsächlich zwischenzeitlich lediglich „nur“ an die dreißig Jahre irgendwo in Bünde auf Lager eingemottet war. Oder erst durch den Aufkauf von Matchbox ca. zehn Jahre später in den Besitz dieses größten deutschen Herstellers gelangte. Demzufolge wäre es eigentlich nun auch müßig wie man diese Neuauflage denn nun am liebsten bezeichnen möchte. Also entweder als Ex-Frog, Ex-AMT oder Ex-Matchbox?

Bei der Bewertung spielt der vermeintliche Ursprung aber eine ungleich größere Rolle. Denn die Fa. AMT oder auch Matchbox zumindest, hätten während der Dauer ihres Bestehens niemals einen eigenen Bausatz solcherart bescheidener Güte herausgebracht. Vor allen allein daher schon da beide zu der Zeit als dieser Bausatz entstand überhaupt noch keine Flugzeug-Plastikmodelle im Lieferprogramm besaßen. Somit muss man deshalb ehrlich zugeben, dass der vorliegende Frog-Kit angesichts seines hohen Alters bewertet, letztendlich als ganz passabel einzustufen ist und bei seinem ersten Erscheinen fraglos ein mustergültiges Beispiel für den seinerzeitigen Stand der Technik innerhalb der Plastikmodell-Industrie verkörperte. Womit dann all die nachfolgend aufgeführten Schwachstellen in einem anderen Licht gesehen werden sollten. Wie da wären:

Einige weitere, dann allerdings, meiner Meinung nach, als etwas weniger störend empfundene Unzulänglichkeiten sind an den Triebwerken zu finden, da die Spinner etwas zu spitz zulaufend nachgebildet sind. Die Lüftungsschlitze an den Frontseiten der Motorengondeln haben ebenfalls in Wirklichkeit etwas anders ausgesehen. Auch die vorhandenen Öffnungen an den Tragflächenvorderkanten entsprechen allein von ihrer Anzahl nicht dem Original und sollten ursprünglich wohl wie die auf dem Klarsichtteil- Gussast noch erhalten gebliebenen Scheinwerferlinsen-Teile bezeugen, offensichtlich einst als zusätzlich Landescheinwerfer kaschiert werden. Was aber der verantwortliche Bauanleitungs-Grafiker bei Revell noch verhindern konnte da er die Verwendung dieser von vornherein im Bauplan ausschloss, ein Verspachteln dieser kleineren Öffnungen dann aber komischerweise nicht vorschrieb, oder vielleicht sogar auch nur übersah?

Der ausgesparte Schlitz im Rumpfboden für den(in früheren Zeiten obligatorischen) Ständer nebst den zwei ungefähr etwa Streichholz-Stäbchen breiten Fugen an den Oberseiten der Motorgondeln sind dann letztlich auch noch, wenn auch mit Widerwillen, erduldbar. Es lässt sich ja beseitigen. In der Bauanleitung wird darauf interessanterweise durch erneute Verwendung des „Verspachteln“ bedeutenden Symbols aber explizit hingewiesen.

Die Passgenauigkeit ist ausreichend, und auch die Gratbildung ist noch einigermaßen vertretbar, während der allenthalben auftretender Versatz schon schwieriger Hand zuhaben ist.

Die Abziehbilder sind wie gewohnt qualitativ gut sowie lupenrein lesbar und auch graphisch sowie farblich weitgehend in Ordnung Allerdings offenbart allein schon der Decalbogen eine weitere Unzulänglichkeit dieses alten Bausatzes. Man hat bei Revell versucht, durch mehrere gedruckte Darstellungen einige am Rumpf gar nicht ausgearbeiteten Oberflächenstrukturen nachzubilden. Zusammenfassend kann hinsichtlich den Abziehbildern wohl allseits übereinstimmend nur festgehalten werden das sie wahrscheinlich der qualitativste Bestandteile des ganzen Bausatzes sind und auch historisch korrekt sein dürften, da sich die mitgelieferten Markierungen/Kennzeichnungen tatsächlich auf für jedermann zugänglichen Profiles verschiedener Quellen wieder finden bzw. erkennen lassen.

Wobei man gerade hier aber und auch im Bereich Bemalungsvorschlägen lieber etwas Vorsicht walten lassen sollte. Da ausgerechnet für den hier darzustellenden doch eher raren, ja z.T. immer noch geheimnisumwobenen Heinkel-Nachtjäger bis heute nur recht wenige praktisch auswertbare authentische, Farbaufnahmen einsehbar sind und daneben ja auch allgemein das Thema „Sämtliche jemals verwendete Sichtschutzmuster der deutschen Nachtjagd im zweiten Weltkrieg“ längst noch nicht abschließend eineindeutig dokumentiert ist.

Bleibt abschließend die nicht eben leichte Frage nach dem Fazit zu diesem neuen Revell-Modell. Ich persönlich habe mich sofort nach dem Kauf beeilt schnellstmöglich noch eines der auf Ebay und anderswo, gottlob, immer noch angebotenen ursprünglichen He 219-Bausätze von Revell zu erhaschen. Das geschah In der Hoffnung mit den Abziehbildern der aktuellen Neuerscheinung und eventuell noch einigen wenigen weiteren Bauteilen daraus irgendwann mal ein im Resultat etwas realistischeres Modell erstellen zu können.

Warum man auch bei Revell selbst nicht lieber auf das frühere Modell zurückgriff. Da man ja z.B. die Ju 88 aus genau der gleichen, vergangenen, Periode weiterhin noch anbietet, wird, wie so oft ein Rätsel der Marketingstrategie bleiben müssen. Interessant wäre in diesem Zusammenhang vielleicht noch, ob Revell womöglich auch noch eine Widerauflage von Frog´s Dornier Do 17 Z plant. Diese war ja bekanntlich ebenfalls auch zum letzten Ende der seinerzeit gerade auslaufenden Ära des Matchbox-Logo unter Revells Ägide erschienen. Diese wäre dann allerdings aber tatsächlich schon einmal vor über einem viertel Jahrhundert im Lieferprogramm des Bündener Unternehmens gewesen.

Fairerweise muss schlussendlich aber festgehalten werden das der Preis dieser neuen alten „Uhu“ (gezwungenermaßen, bzw. vollkommen zu Recht) nicht ganz zu hoch angesetzt worden ist und es sicherlich besser ist wenn dieses außergewöhnliche Kampfflugzeug, wenn auch (leider nur) in diesem Gütegrad, überhaupt von einem deutschen Herstellen angeboten wird als gar nicht. Schließlich ist es ja dann nicht vollkommen unmöglich daraus ein symbolisch doch ausreichend gutes Abbild des Originals zu erschaffen. Wenn man denn nur bereit ist ganz besonders viel Zeit, Mühe und Kosten zu investieren. Aber auch „aus der Box“ heraus sollte es möglich sein einen letztlich angemessenen Gegenwert für seine Ausgaben zu erhalten. Wie allein schon das auf der einen Verpackungsaußenseite und innerhalb der Bauanleitung aufgedruckte Foto eines doch wirklich sehr hübsch gewordenen Models beweist.

Zdenek Nevole (August 2010)